Sonja Schüler
Bericht zur sozioökonomischen Situation der Roma in Rumänien


Die keine homogene Volksgruppe darstellenden, sondern vielmehr nach kulturellen, sozialen, sprachlichen und regionalen Subgruppierungen unterscheidbaren Roma-Gemeinschaften stellen in Rumänien hinter den ethnischen Ungarn die zweitgrößte Minderheit, wobei ihre Bevölkerungsgröße Schätzungen zufolge mehr als eine Million Individuen beträgt.1) Gemeinschaftsübergreifende Charakteristika der Roma stellen deren historisch und aktuell marginale gesellschaftliche Position, fehlende faktische Gleichberechtigung sowie die ständige Konfrontation mit den Vorurteilen der Mehrheitsbevölkerung dar. Sowohl die seit dem Beginn des rumänischen Systemwechsels im Jahre 1989/90 drastisch verschlechterten materiellen Lebensbedingungen als auch das Auftreten vielfältiger Ausgrenzungs- und Diskriminierungsformen stellen prägende Faktoren der aktuellen Roma-Situation dar, welche im folgenden ansatzweise und erörtert werden sollen
Für die rumänische Gesamtgesellschaft im allgemeinen und für die große Mehrheit der Roma-Gemeinschaften im besonderen hatten die Konsequenzen der nach 1989/90 eingeleiteten Wirtschaftsreformen eine drastische Verschärfung ihrer materiellen Lebensbedingungen zur Folge. Die nach 1989/90 insbesondere durch Betriebsschließungen und die Rationalisierung von Arbeitskräften verursachten Massenentlassungen lösten einen starken Anstieg der Arbeitslosenquote aus. Während noch 1993 die Arbeitslosenquote bei 3% lag, war zwischen 1998 und 1999 ein Anstieg auf 11% mit steigender Tendenz zu verzeichnen.
2) Noch im Dezember 1999 betrug das durchschnittliche Monatseinkommen umgerechnet lediglich 110$;3) eine hohe Inflationsrate, Preissteigerungen im Bereich der Lebenshaltungskosten und eine wachsende Abhängigkeit der zu großen Teilen verarmten Bevölkerung von der dezimierten staatlichen Sozialunterstützung stellen nicht ausschließlich in Rumänien Charakteristika der gesamtgesellschaftlichen Lebensbedingungen dar.
Obwohl den Roma während der Phase des Sozialismus mit dem Ziel der Assimilation von staatlicher Seite Wohnraum, Arbeitsplätze und Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt wurden, bildete der Großteil der Roma-Bevölkerung bereits vor dem Umbruch eine unterprivilegierte, marginalisierte, ein ungenügendes Bildungsniveau aufweisende und vorwiegend als unqualifizierte Arbeitskräfte und Hilfsarbeiter auf der untersten Beschäftigungsstufe tätige Randgruppe. Den mehrheitlich ungelernten Arbeitskräften fehlten somit die zur Einfügung in die marktwirtschaftlichen Erwerbsstrukturen erforderlichen Voraussetzungen. Viele während der Ceausescu-Diktatur als unterbezahlte Arbeiter in Bereichen wie der Bau- und Schwerindustrie beschäftigte Roma verloren nach 1989/90 als einige der ersten ihre Arbeitsplätze und damit auch ihre materielle Lebensgrundlage. Gravierend wirkte sich auch die Umstrukturierung des Agrarsektors, in dem bis zum Sturz des sozialistischen Systems etwa 50% der erwerbstätigen Roma als Saisonarbeiter und Viehzüchter tätig gewesen waren, mit der Privatisierung von Grund und Boden und der Schließung landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften aus. Einer Studie zufolge betrug die Arbeitslosenquote innerhalb der rumänischen Roma-Gemeinschaften im Jahre 1992 gar 50% und lag damit ein Vielfaches über der der Mehrheitsbevölkerung.4) 84% der Roma gaben im Rahmen einer repräsentativen Untersuchung vom November 2001 gegenüber 63% der ethnischen Rumänen an, aktuell keiner Beschäftigung nachzugehen. 23% der befragten Roma fehlte jegliche Einkommensquelle; 33% mußten mit einem Monatseinkommen von höchstens 1 Million Lei (30$) auskommen.5) Ein unterdurchschnittliches Bildungsniveau, mangelnde berufliche Qualifikation, die abnehmende Bedeutung traditioneller Beschäftigungsformen von Roma wie der des Kesselschmiedes, der Blumenverkäuferin oder des Herstellers von Holzgegenständen sowie die aus der Existenz von Vorurteilen gegen Roma resultierenden diskriminierenden Verhaltensweisen von Arbeitgebern erschweren die Eingliederung der Volksgruppenmitglieder in die Erwerbsstrukturen erheblich. Die aus dem weitgehenden Ausschluß vom offiziellen Arbeitsmarkt resultierende unzureichende Existenzgrundlage bedingt extreme Armut sowie die Verstärkung der sozialen Isolation.
Auch künftige Roma-Generationen finden denkbar ungünstige Bedingungen zur Integration in die Erwerbsstrukturen vor, da ihre Eltern die Ausbildung der Kinder nicht finanzieren können und diese mit ihrer Arbeitskraft oder auch mittels Diebstahl und Bettelei frühzeitig zur Überlebenssicherung beitragen müssen. Zudem ist im Schulwesen die Diskriminierung von Roma-Kindern durch Klassenkameraden und Lehrkräfte, welche sich anhand von Beschimpfungen, der Platzierung in der letzten Bank und dem damit einhergehenden Ausschluß vom Unterrichtsgeschehen oder gar anhand physischer Übergriffe manifestiert, verbreitet und fördert vorzeitige Schulabbrüche.
Folgen des erschwerten Zugangs zum formellen Arbeitsmarkt sind die verstärkte Hinwendung zum Schwarzmarkt sowie die Verfolgung halblegaler oder illegaler Überlebensstrategien. Dazu gehören der an Straßenrändern betriebene Verkauf von günstig erworbener Ware oder Diebesgut zu überhöhten Preisen, die oftmals von behinderten Familienangehörigen betriebene Bettelei sowie Diebstahl. Andere Roma verdingen sich als Aushilfskräfte und Tagelöhner, wobei diese Beschäftigungen keinerlei soziale Absicherung wie Krankenversicherung, Kündigungsschutz und Altersversorgung beinhalten. Dem geringen Anteil der schnell zu Reichtum gekommenen sowie der vorwiegend durch Handel überlebenden, meist integrierten Roma-Gruppen steht faktisch die große Mehrheit der von den Erwerbsstrukturen ausgeschlossenen und auf alternative Einnahmequellen zurückgreifenden Volksgruppenangehörigen gegenüber.
Charakteristika der aus der Armut resultierenden spezifischen Lebensform sind eine marginalisierte Siedlungsweise in Elendsvierteln am Rande von Städten und Dörfern oder gar auf Mülldeponien, die Knappheit lebenswichtiger Ressourcen wie Nahrungsmittel und Kleidung, ein unregelmäßiges, äußerst niedriges Einkommen oder auch die existentielle Abhängigkeit von Kindergeld. Weitere Merkmale sind ein Leben mit unbehandelten Krankheiten wie Tuberkulose und Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, eine hohe Kinderzahl, Alkoholismus, Resignation und die Erwartung finanzieller Hilfe aus dem westlichen Ausland. Gleichwohl ist feststellbar, daß die sich anhand der genannten Merkmale manifestierende Subkultur keineswegs ein ausschließlich auf die Volksgruppe der Roma beschränktes Charakteristikum darstellt. Vielmehr handelt es sich um aus Armut und sozialer Benachteiligung hervorgehende Lebensumstände, welchen, allerdings in deutlich geringerem Ausmaß, auch Angehörige der Mehrheitsbevölkerung und anderer Ethnien ausgesetzt sind.
Am Beispiel der mehr als 400 Roma-Bewohner der Mülldeponie Pata Rît am Rande der siebenbürgischen Stadt Cluj-Napoca läßt sich die Verstärkung der Marginalisierung infolge des Systemwechsels veranschaulichen. Die Anwohner, romanisierte Roma, welche während des Sozialismus mehrheitlich als Landarbeiter beschäftigt waren und über staatlichen Wohnraum verfügten, verloren infolge der Umstrukturierung des Agrarsektors und der Privatisierung von Grund und Boden ihre Arbeit, ihre Wohnung und ihre Existenzgrundlage. Da die Mülldeponie kein offiziell registriertes Domizil darstellt, können die für den Schulbesuch sowie den Zugang zu unterschiedlichen Formen der Sozialunterstützung notwendigen Personalien nicht beschafft werden. Der Verkauf recycelbarer Materialien wie Flaschen an staatliche Sammelstellen stellt die einzige finanzielle Überlebensgrundlage der Roma von Pata Rît dar. Die Siedlung ist nicht an die Strom- und Wasserversorgung angeschlossen; sämtliche aus Altmaterialien notdürftig zusammengeflickte Baracken sind unbeheizt. Die Bewohner ernähren sich von Abfällen. Häufig auftretende Erkrankungen wie Tuberkulose, Asthma und Magen-Darm-Infektionen bleiben infolge des Fehlens der für den Zugang zu beitragsfreier Krankenversicherung erforderlichen persönlichen Dokumente, fehlender finanzieller Möglichkeiten der Betroffenen sowie vor dem Hintergrund bestehender Vorurteile medizinischen Personals und verbreiteter Verweigerungen gegenüber der Versorgung von Roma meist unbehandelt. Dementsprechend erreichen nur wenige Bewohner ein Lebensalter von mehr als 60 Jahren. Ein Charakteristikum der ansässigen Familien stellt deren hohe Kinderzahl (durchschnittlich 4 - 5 und bis zu 10 Kinder) dar. Wegen fehlender Personalien wie Geburtsurkunden oder Nachweisen eines festen Wohnsitzes erfüllt der Großteil dieser Kinder nicht die zum Besuch einer Schule notwendigen Voraussetzungen, folglich sind ihre Eltern formal nicht zum Empfang von Kindergeld berechtigt.
Psychische Folgeerscheinungen dieser in vielen Elendsvierteln im ganzen Lande zu beobachtenden Lebensbedingungen sind Lethargie, Verbitterung, Hoffnungslosigkeit und das Fehlen jeglicher Zukunftsperspektiven. Die Lebensgewohnheiten marginalisierter Roma-Gemeinschaften laufen den Werten und Normen der Mehrheitsbevölkerung zuwider, Ausgrenzungsmechanismen entstehen und verstärken sich, womit sich der Teufelskreis aus Armut und Ausgrenzung schließt. Die existentielle Notlage der Mehrheit der rumänischen Roma resultiert aus einer vor dem Hintergrund der Folgeerscheinungen des Systemwechsels zu bewertenden Vielzahl an sozioökonomischen und bildungspolitischen Faktoren und Ausgrenzungsmechanismen und kann nicht als Konsequenz einer ausschließlich kulturell bedingten "Anpassungsunfähigkeit" der Roma an die Lebensweise der Mehrheitsbevölkerung betrachtet werden.
Innerhalb der rumänischen Bevölkerung, aber auch in den anderen Ländern des europäischen Kontinents sind mit dem Begriff des "Zigeuners" viele unterschiedliche Wahrnehmungen verbunden. Aufgrund der Tatsache, daß die überwiegende Mehrheit der Roma-Gemeinschaften der untersten sozialen Schicht angehört und sich dieser soziale Status in Wohn- und Lebensweise manifestiert, prägen insbesondere die offensichtliche Armut sowie der traditionelle Kinderreichtum die Perzeption der Bevölkerungsmehrheit. Die mit der Subkultur der Armut einhergehenden Überlebensstrategien lösen zahlreiche auf die gesamte Volksgruppe projizierte Ängste, welche sich primär auf die allen Roma unterstellte Kriminalität zentrieren, aus. Die Lebensformen der Unterprivilegierten werden als spezifische "Roma-Kultur" angesehen, was die gesellschaftliche Ausgrenzung der als soziale Randgruppe und kaum als eigenständige Ethnie wahrgenommenen Volksgruppe zur Folge hat. Die allgemeine Perzeption von Roma als homogene soziale Randgruppe erleichtert die Übertragbarkeit von Vorurteilen auf die Gesamtheit der Gemeinschaften. Negative Eigenschaften wie die der Kriminalität, der Unsauberkeit, der Faulheit und der Gewaltbereitschaft gelten als charakteristisch für die Ethnie. Parallel wird die Legende des durch illegale, auf Kosten der "ehrlichen" Mehrheitsbevölkerung betriebene Machenschaften zu Wohlstand gekommenen "reichen Zigeuners" innerhalb der Gesellschaft über Generationen hinweg weitergegeben und löst Bedrohungsgefühle und Abgrenzungsmechanismen aus. Die Verwendung von dem Tierreich entlehnten Metaphern als Synonyme für Roma ist in der Alltagssprache verankert. So stellen Bezeichnungen wie "Krähe", "Star" oder "Schwarze" gebräuchliche, auf die verbreitet dunklere Hautfarbe der Volksgruppenmitglieder bezogene Verunglimpfungen dar. Immer wieder wird den Roma sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf politischer Ebene auf der Grundlage der ihnen zugeschriebenen Negativeigenschaften direkt oder indirekt die Verantwortung für Mißstände wie steigende Kriminalitätsraten oder materielle Mangelsituationen übertragen.
Faktisch stellen Ausgrenzung und Diskriminierung von Roma seit Jahrhunderten bestehende und sich in deren niedrigem sozialen Status sowie der Ignoranz, den Assimilationsversuchen und der offenen Verfolgung seitens der Mehrheitsbevölkerung widerspiegelnde historische Kontinuitäten dar. Beispielhaft seien die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts währende Versklavung rumänischer Roma-Gemeinschaften, die Deportation Tausender Roma und deren Ermordung durch das faschistische Antonescu-Regime sowie die alle Lebensbereiche erfassende soziale Diskriminierung während des Sozialismus genannt.
Eine institutionalisierte Diskriminierung existiert in Rumänien nicht. Seit 1989/90 läßt sich jedoch neben der drastischen Verschlechterung der Lebensbedingungen auch das Auftreten und die Verstärkung unterschiedlichster direkter und indirekter Diskriminierungsformen feststellen. So verweisen zahlreiche Zeitungsberichte über von Roma begangene Straftaten ausdrücklich auf deren Volksgruppenzugehörigkeit (Romi oder Tigani) und greifen damit das gesellschaftliche Vorurteil der "Roma-Kriminalität" auf. Hingegen unterbleiben bei Verdächtigen anderer Volksgruppenzugehörigkeit Verweise auf deren Ethnizität. Immer wieder finden sich in auflagenstarken Printmedien reißerisch gestaltete Artikel, welche die vermeintliche Gefährlichkeit "der" Roma unterstreichen und die gesamte Ethnie als delinquent erscheinen lassen. Kriminalität, zweifellos innerhalb der Roma-Gemeinschaften vorhanden, wird direkt oder indirekt als spezifische Charaktereigenschaft von Roma dargestellt, was innerhalb der Mehrheitsbevölkerung Mißtrauen, Angst oder gar Haß erzeugt. Auch wurden in Stellenausschreibungen großer Tageszeitungen Roma wiederholt ausdrücklich als potentielle Bewerber ausgeschlossen. Fremdenfeindliche, nationalistische Publikationen wie die nach der extremistischen Partei Corneliu Vadim Tudors benannte Zeitung "România Mare" (Groß-Rumänien) oder auch Veröffentlichungen der extrem nationalistisch orientierten Organisation "Vatra Româneasca" (Rumänische Heimstatt) berufen sich auf die kulturelle, religiöse und sprachliche Einheit als Basis des "Rumänentums". Sie betreiben insbesondere gegen Ungarn und Roma mittels deren Darstellung als den "rumänischen" Werten widersprechende potentielle Gefahrenfaktoren immer wieder aggressive Hetzcampagnen. Die Großrumänien-Partei forderte bereits die Einweisung "arbeitsscheuer Zigeuner" in Reservate sowie deren Heranziehung zur Zwangsarbeit und trägt damit, wie auch andere fremdenfeindliche Verbände (so z.B. die "Neue Rechte"), zur Entstehung und Verfestigung von Vorurteilen und gegenseitiger Abgrenzung bei. Der Einfluß nationalistischer und minderheitenfeindlicher Parolen darf angesichts der eklatanten sozioökonomischen Probleme des Landes und der noch immer unzureichenden gesamtgesellschaftlichen Verankerung demokratischer Werte in seinen Auswirkungen auf die Mehrheitsbevölkerung nicht unterschätzt werden und bedroht die Umsetzung einer bedürfnisorientierten, auf faktische Gleichberechtigung zielenden Minderheitenpolitik.
Infolge der Parlamentswahlen des Jahres 2000 wurde die Großrumänien-Partei mit ihrer fremdenfeindlichen und nationalistischen Wahlcampagne zur mit Abstand zweitstärksten parlamentarischen Kraft. Der Einfluß romafeindlicher Propaganda manifestiert sich auch daran, daß einer repräsentativen Umfrage vom November 2001 zufolge knapp 60% der ethnischen Rumänen die Beziehungen ihrer Volksgruppe zu den Roma als konfliktträchtig oder als von gegenseitiger Ignoranz gekennzeichnet betrachten, wobei sich dieser Anteil bei der Bewertung der individuellen Erfahrungen im eigenen Wohngebiet auf 44% verringert.6)
Neben unterschiedlichen Formen der verbalen und psychischen Diskriminierung registrierten Menschenrechtsorganisationen insbesondere vom Beginn bis in die Mitte der 90er Jahre im ganzen Lande gegen Roma oder gar gegen ganze Roma-Gemeinschaften gerichtete gewalttätige Ausschreitungen, welche Menschenleben forderten. Der Auslöser bestand meist in einem durch Roma gegen Angehörige der Mehrheitsbevölkerung verübten Vergehen, worauf eine aufgebrachte, mehrheitlich aus ethnischen Rumänen zusammengesetzte Menschenmenge mit kollektiver Schuldzuweisung oder gar Lynchjustiz reagierte. Häuser wurden angezündet, Roma bedroht, des Ortes vertrieben oder gar gelyncht. Die Gewaltausbrüche gegen Roma stellten neben ökonomischen Motiven bedeutende Gründe der Abwanderung Tausender Roma ins westliche Ausland dar, wo viele der dort vielerorts als "Elendsflüchtlinge" bezeichneten Migranten mit Vorurteilen und Feindseligkeit konfrontiert wurden. Neben den bis heute verbreiteten Übergriffen durch Einzelpersonen berichten Menschenrechtsorganisationen immer wieder von gegen Roma angewandter Polizeigewalt. Diese äußert sich anhand willkürlich durchgeführter Razzien, tätlicher Ausschreitungen und mangelhaft begründeter Festnahmen. Aufgrund unzureichender polizeilicher Ermittlungen, eingestellter Strafverfahren und der bis zum Ende des Jahres 2001 noch unzureichenden gesetzlichen Bestimmungen zur Bekämpfung von Diskriminierungsformen bleibt die Strafverfolgung meist aus. Darüber hinaus erregen die verbreiteten, durch lokale Behördenvertreter angeordneten Zwangsräumungen von Wohnraum der Roma Aufsehen. Vorgebliche Gründe dieser durch Polizeieinheiten häufig unter Anwendung von Gewalt und massiver Einschüchterung vollstreckten Anordnungen sind das Fehlen einer ausreichenden Infrastruktur in den betroffenen Gebäuden, die illegale Besetzung von Wohnraum oder auch die "unzivilisierte" Lebensweise der Betroffenen. Obwohl diese Zwangsräumungen mehrfach durch Nichtregierungsorganisationen verhindert werden konnten (Z.B. in Piatra Neamt und Brasov), wurden allein in Bukarest Dutzende Roma infolge der Ausweisung aus den Wohnungen und der Zerstörung des Wohnraums durch Bulldozer obdachlos.
Obwohl infolge der nach 1989/90 verankerten Rechte der Meinungs- und Organisationsfreiheit, der Teilnahme an Wahlen und der Bildung ethnospezifischer Organisationen ein breites Spektrum politischer und gesellschaftlicher Roma-Verbände entstand, verfügt die Roma-Minderheit nicht über eine allgemein anerkannte und demokratisch legitimierte politische Interessenvertretung. Die Folgeerscheinungen der Heterogenität dieser in zahlreiche Subgruppierungen unterteilten Ethnie sowie unterschiedlichste sozioökonomische, kulturelle und bildungspolitische Faktoren erschweren die Herausbildung einer gruppenübergreifend anerkannten, handlungsfähigen Führungselite sowie die Verbesserung der politischen Partizipation erheblich. Infolgedessen bleibt die Volksgruppe mit einem einzigen Abgeordneten der "Roma-Partei" auch im Jahre 2002 parlamentarisch unterrepräsentiert und ist schwerlich zur Artikulation und Durchsetzung von Forderungen im Rahmen politischer Entscheidungsprozesse in der Lage. Angesichts dieser Tatsache leisten die schwerpunktmäßig auf Schlüsselbereiche der Gesamtsituation wie das Bildungswesen und den Gesundheits- und Sozialbereich zentrierten Projekte der auf gesellschaftlicher Ebene tätigen Roma-Verbände wichtige Beiträge zur Verbesserung materieller Lebensbedingungen, zur Stärkung eines Volksgruppenbewußtseins und zur Bekämpfung von Konfliktpotentialen.
Im April des Jahres 2001 wurden mit der Verabschiedung einer durch Roma-Vertreter und Repräsentanten der Exekutive erarbeiteten Regierungsstrategie zur Verbesserung der Gesamtsituation der rumänischen Roma auf politischer Ebene vor dem Hintergrund des angestrebten Beitritts zur Europäischen Union Zeichen eines neuen Problembewußtseins gesetzt. Die Identifikation der wichtigsten Kernbereiche der Roma-Situation sowie die Formulierung von Teilzielen spiegeln die Erkenntnis wider, daß einzig die Einbindung vielfältiger politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Segmente des Staatsgefüges in die Entwicklung von Lösungsansätzen der Vielschichtigkeit der Problematik gerecht wird. Mit der Verabschiedung der Strategie hat das Land ein wichtiges Beitrittskriterium der Europäischen Union erfüllt, sodaß die Programmatik auch vor dem Hintergrund der pragmatischen Interessen der rumänischen Regierung betrachtet werden muß. Der Erfolg der einen Implementationszeitraum von zehn Jahren aufweisenden Strategie wird von der Phase der Projektentwicklung und von der an die Handlungsbereitschaft und Kompromißfähigkeit aller involvierten Akteure sowie an die Möglichkeiten der Bereitstellung der erforderlichen finanziellen und personellen Ressourcen gebundenen Umsetzung abhängen. Die Umsetzung gerät jedoch unter anderem dadurch, daß innerhalb der Strategie der konkrete finanzielle Rahmen der zu implementierenden Programme sowie die Herkunft der finanziellen Ressourcen nicht benannt werden und die Strategie anstelle von Projekten schwerpunktmäßig Zielvorgaben enthält, in Gefahr. Befürchtet werden muß daher, daß der Implementationsprozeß dieser Strategie in der Planungsphase der Projekte stecken bleibt und die erforderlichen finanziellen Ressourcen, welche zwar teilweise, jedoch nicht vollständig durch supranationale Organisationen wie die EU und die UN gedeckt werden, durch den rumänischen Staat nicht zur Verfügung gestellt werden können.
Hinsichtlich der aktuellen Situation muß festgestellt werden, daß den nach Rumänien abgeschobenen Roma jegliche Perspektiven des Aufbaus einer gesicherten, an die Ermöglichung gleichberechtigter Zugangschancen zu den vorhandenen sozioökonomischen Ressourcen gebundenen Existenz genommen werden. Logische Folgen stellen Ausbruchsversuche aus dem Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung mittels der Übernahme mehr oder weniger legaler Überlebensstrategien oder der erneuten Flucht ins westliche Ausland dar.

Anmerkungen:
 
1) Volkszählungen vermögen wegen stark variierenden Identifikationsmustern und Anpassungsformen der Roma an die Mehrheitsgesellschaft die tatsächliche Bevölkerungsgröße dieser Ethnie nicht widerzuspiegeln.

2) Vgl. dazu Mihok, Brigitte: Vergleichende Studie zur Situation der Minderheiten in Ungarn und Rumänien (1989 - 1996) unter besonderer Berücksichtigung der Roma. Frankfurt a.M., Berlin, Bern u.a. 1999, S.149

3) Vgl. Boden, Martina: Osteuropa: Eine kleine politische Länderkunde. 2.Aufl., Landsberg 1998, S.187 und Economist Intelligence Unit (EIU): Country Report 1st quarter 2000, S.3 und S.25.

4) Vgl. EIU Country Report, April 2000, S.25 und OECD Economic Survey 1998, S.16/17.
Zamfir, Elena; Zamfir, Catalin: Tiganii - între ignorare si ingrijorare. Bucuresti 1993, S.107- 109.

5) Vgl. Centrul de Resurse pentru Diversitate Etnoculturala: Barometrul Relatiilor Interetnice, Noiembrie 2001.
Cluj-Napoca 2001, S.43. Aufgrund der Tatsache, daß mangels exakten statistischem Materials keine genauen Angaben zur Arbeitslosigkeit innerhalb der Roma-Bevölkerung möglich sind, sind die genannten Werte unter Vorbehalt zu betrachten und können lediglich einen Eindruck von der Größenordnung der Arbeitslosigkeit vermitteln (Anm. d. Verfasserin).

6) Vgl. Barometrul Relatiilor Interetnice 2001, S.21/22.


 Marburg, April 2002

(Die Autorin promoviert am Institut für Politikwissenschaft der Universität Marburg mit einer vergleichenden Analyse zur Minderheitensituation der Roma in Rumänien und Bulgarien)


Zum Seitenanfang