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Zeitraum Januar bis Juni 2006
In der ersten Phase des Beschäftigungsprojekts für Roma-Jugendliche und
junge Erwachsene von Juni 2003 bis Juni 2005 arbeitete das Projekt mit
Jugendlichen, die sich untereinander kannten und die zumeist auch schon
durch die Kindertagesstätte „Schaworalle“ des Förderverein Roma mit dem
Träger bekannt waren. Es gab eine Kerngruppe, die den gesamten
Projektverlauf mitgemacht hat, gute soziale Strukturen und klare
Leistungsträger, die eine gewisse Zielstrebigkeit vorgegeben haben.
In der zweiten Phase handelt es sich verstärkt um einzelne Individuen und
weniger um eine miteinander bekannte und eingespielte Gruppe. Zwar kennen
sich die Teilnehmer zum Teil, sie haben aber sehr unterschiedliche
individuelle Entwicklungen vollzogen. Eine Kerngruppe, die - trotz
schwieriger sozialer Verhältnisse - durch Zielstrebigkeit besticht und
Mitschüler, die ins Zaudern geraten, mitzieht, gibt es hier nicht.
Im Projekt befindet sich eine große Anzahl so genannter bildungsferner
Schüler, also Analphabeten oder nahezu Analphabeten mit wenig oder keiner
Schulerfahrung und mit zum Teil größeren Sprachdefiziten in Deutsch.
Aufgrund der sehr geringen schulischen Kenntnisse ist es bei diesen
Teilnehmern natürlich sehr schwer, eine berufliche Perspektive
herzustellen. Die Motivationsgrundlage liegt hier hauptsächlich im Anreiz,
überhaupt besser lesen, schreiben und rechnen zu können. Dies fällt aber
mit zunehmendem Alter immer schwerer. Zum einen aufgrund der langen Zeit,
die man bereits ohne diese Kenntnisse (und trotzdem einigermaßen
erfolgreich) verbracht hat, zum anderen, weil es inzwischen erwachsenen
Familienvätern oder allein erziehenden Müttern schwer fällt, noch einmal
die Schulbank zu drücken. Dementsprechend niedrig ist auch die
Frustrationstoleranz. Das Gefühl, doch zu alt zu sein und alles nicht mehr
zu begreifen, kommt schneller als bei jüngeren Schülern. Die
muttersprachliche Betreuung ist bei diesen Teilnehmern nicht nur deshalb
unerlässlich, um komplexere Zusammenhänge in der eigenen Sprache adäquat
vermitteln zu können, sondern auch, um als Vorbild zu wirken und mit
akzeptierten Argumenten zu erklären, dass es auch mit 23 Jahren noch
sinnvoll ist, Lesen und Schreiben zu lernen und sich durch Rückschläge
nicht so leicht frustrieren zu lassen. Gleichzeitig sind die Teilnehmer
mit einem komplexen Regelwerk (Pünktlichkeit, vorherige Absprache von
Terminen usw.) konfrontiert, das nicht immer als gerecht oder sinnvoll
angesehen wird. Grundsätzlich erfordert es eine intensive
sozialpädagogische Betreuung, lern- und/oder regelfrustrierte junge
Erwachsene davon zu überzeugen, dass sie nicht als wertlos angesehen
werden, nur weil sie nicht lesen und schreiben können und dass die
konsequente Einforderung der Regeleinhaltung keine persönliche Schikane,
sondern notwendig ist, um ein Beschäftigungsprojekt erfolgreich
durchzuführen.
Vermehrt nehmen an dem Projekt auch bildungsentwöhnte Jugendliche teil,
die aus den üblichen Bildungsgängen heraus gefallen sind und sich sehr
schwer tun, wieder Fuß zu fassen. Hier überwiegt die Problematik, dass
früher gemachte schlechte Erfahrungen mit der Schule und eingefahrene
Strukturen im Alltag nur langsam abgebaut werden können.
Altbewährte Schulvermeidungsstrategien, wie unverschiebbare Termine
während der Schulzeit, müssen im Einzelnen als solche enttarnt und eine
alternative Handhabung angeboten werden. Sind die Eltern beispielsweise im
Familienalltag gewohnt, jederzeit auf die Tochter zurückgreifen zu können,
wenn auf Kinder aufzupassen ist, dann wird das auch weiter so praktiziert
und es dauert geraume Zeit und kostet viel Überzeugungskraft, die Familien
und die Teilnehmer davon zu überzeugen, dass der Besuch der Schule
wichtiger ist. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, ist der Vater
schwer krank und im Krankenhaus, wird von dem Sohn erwartet, dass er sich
jeden Tag von früh bis spät am Krankenbett aufhält, auch wenn dies weder
dem Vater noch dem Sohn, der auch lieber zur Schule gehen würde als tage-
oder gar wochenlang im Krankenhaus zu sitzen, hilft.
Grundsätzlich wird die mit 32 Wochenstunden zeitlich doch sehr ins Gewicht
fallende Projektteilnahme häufig als großer Eingriff in die Privatsphäre
wahrgenommen. Konnten die Jugendlichen bei körperlichen Beschwerden wie
Bauch- oder Kopfschmerzen früher einfach zuhause bleiben, wird jetzt von
Ihnen verlangt, es zunächst mit einer Tablette zu probieren und dann, wenn
es nicht besser wird, erst zum Arzt und anschließend nach Hause zu gehen.
Ein solcher vermeintlicher Eingriff in die eigene Lebensplanung, womöglich
zu Lasten der Gesundheit - oder noch schlimmer, der des Sohnes oder der
Tochter - wird von den Teilnehmern und deren Eltern nur schwer akzeptiert.
Gleiches gilt für den Stellenwert der Familie, deren Bedürfnisse plötzlich
hinten angestellt werden sollen, während der Schulbesuch vorrangig
behandelt wird. Auch hier gilt es, intensive Gespräche mit den Teilnehmern
und deren Eltern zu führen, um deutlich zu machen, dass die Bedürfnisse
der Familie durchaus gesehen und ihnen Rechnung getragen wird, der
regelmäßige Schulbesuch aber auch eine wichtige Komponente für ein
erfolgreiches Leben der Teilnehmer ist.
Nach wie vor ist das größte Problem der häufig sehr unsichere Aufenthalt.
Wieder sind viele Jugendliche z. T. sehr akut von Ausweisung bedroht,
obwohl sie schon seit vielen Monaten, mitunter schon seit über 2 Jahren,
hart in der Schule und in Praktika arbeiten. Eine Grundschwierigkeit liegt
in der Vermittlung, dass Schulbesuch wichtig ist, obwohl sie gezwungen
werden sollen, das Land zu verlassen und immer nur für wenige Monate
geduldet werden, somit keine Perspektive aufgebaut werden kann und
existenzielle Ängste vorherrschen. Noch extremer aber ist die psychische
Belastung in der „heißen“ Phase der Betreibung der Abschiebung. Das
Bewusstsein, vielleicht wenige Tage später allein und ohne Familie nach
Rumänien abgeschoben zu werden, ist unerträglich und lässt die Teilnehmer
nicht mehr zur Ruhe kommen. Selbst vorher gut und konzentriert arbeitende
Schüler sind dann nicht wieder zu erkennen und kaum mehr als ein
nervliches Wrack. Junge Menschen einer solchen Situation auszusetzen und
gleichzeitig zu verlangen, dass sie regelmäßig, pünktlich und motiviert in
die Schule gehen, ist absurd.
Besonders schwer fällt immer wieder die Motivierung zu Praktika. Zu
arbeiten, ohne „richtiges“ Geld zu verdienen, hat bei den Teilnehmern und
deren Familien nicht zuletzt wegen der meist schwierigen finanziellen Lage
keine hohe Akzeptanz. Berufsfelder auszuprobieren, obwohl man keine
Arbeitserlaubnis hat, klingt in den Ohren der Teilnehmer paradox. Es im
Praktikum weiter zu versuchen, obwohl eine Kollegin unfreundlich war,
fällt den im Umgang mit Fremden oft unsicheren jungen Menschen schwer. Ein
rauer Umgangston im Betrieb wird als persönliche Anfeindung gesehen und es
ist schnell eine Frage der Ehre, ob man sich so etwas von einer fremden
Person anhören muss, wenn nicht einmal der eigene Vater zuhause einen
solchen Ton anschlägt. Die Abstraktion, dass es hier um Erfahrungen in der
Berufswelt und speziell diesem Arbeitsbereich geht und nicht um den
einzelnen Vorgesetzten, dessen ruppige Art man vielleicht nicht so
persönlich nehmen sollte, ist ohne einen persönlichen Bezug zu den
Menschen im Praktikum schwer. Es bedarf einer speziellen Kompetenz auch
bei den Praktikumsbetrieben, um Jugendlichen zu zeigen, worum es im
Praktikum geht und ihnen Ängste zu nehmen. Stattdessen passiert es oft,
dass die Praktikanten als billige Arbeitskräfte gesehen und mit Arbeit
überhäuft werden. Das verunsichert sie, weil sie zum einen nicht von
Anfang an die anfallende Arbeit selbst strukturieren können, zum anderen
nicht sicher unterscheiden können, was von ihnen als vertretbar verlangt
werden kann und was nicht. So passiert es häufig, dass Schwierigkeiten im
Betrieb in sich rein gefressen werden und durch plötzliche einseitige
Beendigung des Praktikums nach Außen treten. Hier bedarf es einer
ausgiebigen Auseinandersetzung mit den Praktika und deren Inhalten, um
solchen praktikumsbeendenden Maßnahmen vorzugreifen.
Problematisch bei Praktika ist auch, dass es sich entweder um einfache,
wenig spannende Tätigkeiten handelt, wo die Jugendlichen als billige
Hilfskräfte missbraucht werden oder es kommt zu Überforderungsgefühlen, da
die Praktika zu anspruchsvoll sind bzw. die auszuführenden Tätigkeiten zu
abstrakt.
Aufgrund der schwierigen sozialen Situation - schlechter
Aufenthaltsstatus, Arbeitslosigkeit, Wohnungsprobleme, Abhängigkeit von
öffentlichen Geldern - haben die Familien in der Regel enorm viel
Papierkram zu bewältigen. Erst die Hilfe hierbei führt zu einer
verbindlichen Beziehung, die dann, sozusagen im Gegenzug, zu regelmäßiger
Projektteilnahme führt: Bei den Jugendlichen häufig, weil es ihnen dann
doch gefällt, bei den Eltern manchmal ausschließlich über die
Unterstützung in anderen Lebenslagen. Eine enge Betreuung der Jugendlichen
führt auch zur verbesserten Einhaltung von Terminen und Regeln, was vor
allem in der Gesundheitsvorsorge und der Straffälligkeitsprävention eine
wichtige Rolle spielt.
Die Leistungsbandbreite der Teilnehmer im schulischen Bereich reicht
gegenwärtig von erheblicher Lernbehinderung bis zur Fähigkeit, demnächst
den qualifizierten Hauptschulabschluss zu erwerben. Dies bedingt eine
enorme innere Differenzierung im Unterricht, den die Lehrerkooperative in
Zusammenarbeit mit dem Förderverein Roma gestaltet, durch Leistungs- und
Fördergruppe, sowie Nachhilfe und individueller Unterstützung. Die
avisierte Hauptschulabschlussprüfung Ende 2006 kann anhand des derzeitigen
Stands in der Leistungsgruppe noch nicht umgesetzt werden.
Zusätzlich haben sich, wie auch in der ersten Projektphase, zwei externe
Schüler eingeschrieben, deren Leistungsstand zurzeit getestet wird. Ihnen
wird die Gelegenheit eröffnet, parallel zu Berufstätigkeit und
Kindererziehung mit Hilfe des Beschäftigungsprojektes den
Hauptschulabschluss nach zu holen.
Umso mehr kommt der intensiven sozialpädagogischen Begleitung im
Praktikums-, Schul- und Familiensektor so eine erhebliche Bedeutung zu.
Insbesondere die muttersprachliche Begleitung und Förderung ist
unentbehrlich, um Entwicklungsprozesse in Gang zu setzen, zu stabilisieren
und Konflikte zu bewältigen.
Trotz der veränderten Gruppenstruktur, die - wie bereits erwähnt - eher
als individualisiert zu bezeichnen ist, hat das Projekt sowohl bei den
Teilnehmern als auch bei den Eltern eine hohe Akzeptanz. Die umfängliche
Hilfe in allen Lebenslagen, als auch die ganz gezielte persönliche
Unterstützung (Straffälligkeit, Bildung, Wohnungsprobleme, Schwierigkeiten
in der Adoleszenz) trägt zum Stellenwert der Beschäftigungsinitiative bei.
Der Atomisierung der Jugendlichen konnte vor allem in den letzten Monaten
durch Gruppengespräche, gemeinsame Ausflüge und Exkursionen
entgegengetreten werden. Es beginnt sich zaghaft ein Bewusstsein zu
etablieren, dass jenseits ganz privater Bedürfnisse auch die Gruppe und
deren spezifische Interessenslage eine Rolle spielt und von Vorteil sein
kann.
Frankfurt am Main, Juli 2006
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