Beschäftigungsprojekt "Berufliche Bildung, schulische Qualifikation und Erwerbstätigkeit"

Entwicklungsbericht des Roma-Beschäftigungsprojekts
"Berufliche Bildung, Qualifikation und Schule für
Roma-Jugendliche und junge Erwachsene (1.9. 2005 - 31.12.2005)
(Januar 2006)
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Beschreibung

Seit dem 01.09.2005 wird vom Förderverein Roma e.V. – finanziert vom Jugend- und Sozialamt Frankfurt am Main und der Stiftung Pro Region der Fraport AG – in Frankfurt am Main das Projekt „Berufliche Bildung, schulische Qualifikation und Erwerbstätigkeit für Roma-Jugendliche und junge Erwachsene“  durchgeführt. Dieses Projekt ist die direkte Fortführung des von Juni 2003 bis Juni 2005 erfolgreich umgesetzten Equal-Projekts „Orientierung, Qualifizierung und Beschäftigung“.

Maßgebliches Ziel dieser Initiative ist es, die Beschäftigungsfähigkeit der Zielgruppe zu verbessern und damit zum Abbau von Diskriminierung und Ungleichbehandlung auf dem Arbeitsmarkt beizutragen. Der Teufelskreis von mangelnder Qualifikation, Arbeitslosigkeit und Straffälligkeit soll durchbrochen und eine adäquate Alternative in den Bereichen schulische und berufliche Bildung geschaffen werden. Die Projektteilnehmer sollen in die Lage versetzt werden, für ihre eigene Existenz und die angeschlossener Familienmitglieder sorgen zu können.

Der Förderverein Roma bringt insbesondere die Kenntnisse im sozialpädagogischen Bereich durch seine Vermittlungsfunktion, den Einsatz von muttersprachlichen pädagogischen MitarbeiterInnen und sein Erfahrungspotential in das Projekt ein. Das Projekt im Sektor Berufsorientierung für Roma-Jugendliche kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Inhalte die Betroffenen überzeugen, wozu vor allem die Kommunikation mit und die Begleitung von den Jugendlichen und den Eltern als auch die enge Kooperation mit externen Partnern notwendig sind.

Durchführung

Das Projekt wendet sich an 15 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren, zum Teil Roma aus Rumänien, die meist seit über zehn Jahren in Frankfurt am Main leben.

Der Projektrahmen umfasst Kurssystem, Schulbesuch und Praktika gem. Wochenplan:

Kurssystem:
Der Förderverein Roma beschäftigt in den Sektoren Computer und Handelslehre Fachpersonal, einen Handelslehrer und einen Computerfachmann (Diplom Webdesigner), die Montag bis Mittwoch nachmittags à 2 Stunden (Handelslehre nur 14tägig) adäquate Kurse anbieten. Parallel zum Handelskurs findet für schwächere SchülerInnen ein Nachhilfekurs statt.

Schulbesuch:
Extern ergänzt sich das Angebot durch einen ausschließlich von Roma-Jugendlichen besuchten Kurs zur Erlangung des Hauptschulabschlusses bzw. einem Alphabetisierungskurs, durchgeführt von der Lehrerkooperative an drei Vormittagen (Mo-Mi) à 5 Stunden.

Praktika:
Der praktische Sektor gibt den Jugendlichen durch die Wahrnehmung von Praktika in verschiedenen Bereichen eine Orientierung im Sinne der inhaltlichen und formalen Organisation von Erwerbsarbeit. Diese Orientierungsphase dient darüber hinaus zur Konkretisierung von Berufs- bzw. Ausbildungswünschen. Die Praktikumsstellen kommen über trägereigene Vermittlung oder über Kontakte durch die Gesellschaft für Jugendarbeit (gjb) zustande. In letzterem Fall schlägt der Förderverein in Absprache mit den Jugendlichen vor, welche Personen in welchem Bereich in Form von Praktika eine berufliche Orientierung erfahren. Die Ausrichtung an den Fähigkeiten und Fertigkeiten der jungen Roma sowie an deren individueller Interessenslage als auch den traditionellen Hintergründen ist hierfür unabdingbare Voraussetzung. Die vorgeschlagenen Bereiche umfassen unter anderem Einzelhandel, Kindergarten, KFZ, Schreinerei, und Friseur.

Individuelle Module für Teilnehmer mit Hauptschulabschluss:

Teilnehmer, die bereits einen Hauptschulabschluss haben, werden weiterqualifiziert mit dem Ziel, einen Ausbildungsplatz zu erhalten (Wirtschafts- und Computerkurs, Bewerbungstraining, Ausbildungsplatzrecherche, berufsorientierende und -qualifizierende Praktika usw.). Diejenigen, die in weiterführende Qualifizierungsmaßnahmen oder reguläre Ausbildungen vermittelt werden konnten, werden weiterhin begleitet und beraten sowie pädagogisch und muttersprachlich betreut.

Bisherige Durchführung und innovative Veränderungen

Teilnehmerstruktur:

Zu Beginn des Projekts am 01.09.2005 hatten sich 17 Jugendliche und junge Erwachsene, angemeldet, darunter auch drei TeilnehmerInnen, die bereits einen Hauptschulabschluss hatten und nun perspektivisch einen Ausbildungsplatz haben wollten. Innerhalb der ersten Wochen sind ebendiese TeilnehmerInnen jedoch nach und nach wieder ausgetreten, die Teilnehmerzahl pendelte sich auf die beabsichtigten 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein. Ende 2005 sind 8 junge Männer und 7 junge Frauen im Projekt, wovon 11 TeilnehmerInnen – 6 Mädchen und 5 Jungen – mehr oder weniger von Anfang an dabei waren.

In den ersten vier Monaten sind insgesamt sieben TeilnehmerInnen – darunter nur ein Mädchen – aus dem Projekt ausgestiegen, bei drei Interessenten hatte sich bereits im Anmeldungsgespräch oder kurz nach der Anmeldung herausgestellt, dass sie an dem Projekt nicht teilnehmen wollen oder können. Drei der sieben Aussteiger hatten den Hauptschulabschluss und fühlten sich in dem Projekt nicht passend untergebracht; vor allem diejenigen TeilnehmerInnen, die bereits in der ersten Projektphase teilgenommen hatten, wollten nicht schon wieder – wie in den vergangenen zwei Jahren – die Schule besuchen und Praktika absolvieren ohne dafür wenigstens geringe Sicherheiten zu erhalten, insbesondere hinsichtlich eines besser abgesicherten Aufenthalts. Die restlichen vier Aussteiger sind aus Krankheitsgründen, wegen Geldproblemen, mangelnder Disziplin sowie anderer Perspektiven selbst ausgestiegen oder ausgeschlossen worden.

Kurz vor Weihnachten 2005 mussten weitere zwei Teilnehmer – ein Junge und ein Mädchen – wegen Missachtung der Absprachen aus dem Projekt ausgeschlossen werden, so dass wir zum Jahreswechsel leider nur 13 Teilnehmern verzeichnen können.

Die Motivation der TeilnehmerInnen hat sich im Laufe der ersten vier Monate verbessert. Vor allem bei denjenigen TeilnehmerInnen, die nie oder vor langer Zeit eine Schule besucht haben, war zunächst eine Blockade sowohl gegenüber regelmäßigem Schulbesuch allgemein als auch hinsichtlich der Lerninhalte im speziellen vorhanden. Mit zunehmendem Vertrauen wuchs die Akzeptanz für das Projekt und seine Inhalte, die Teilnehmer haben sich vermehrt geöffnet und konnten positive Lernerfahrungen machen, was sich wiederum positiv auf die Motivation ausgewirkt hat. Die diesbezüglichen Rückmeldungen der Lehrer sind – interessanterweise insbesondere hinsichtlich der schwächeren Schüler mit keiner oder wenig Schulerfahrung – übereinstimmend positiv.

Kurssystem:

Der Computerkurs hatte sich schon in der ersten Projektphase bewährt und wird auch im laufenden Projekt sehr erfolgreich zweimal in der Woche von 15-17 Uhr angeboten. Hier werden wesentliche, für die heutige Zeit unabdingbare Kenntnisse der Informations- und Kommunikationstechnologie vermittelt. Dieser Erfolg liegt nicht zuletzt daran, dass auf den ausschließlich für die Projektteilnehmer bestimmten Computerraum mit zehn in der ersten Projektphase angeschafften Computern zurückgegriffen werden konnte. Der 14tägig stattfindende Handelslehrekurs, der  in der ersten Projektphase wegen schwerer Krankheit des Lehrers und zu komplexer Inhalte eingestellt werden musste, konnte nun wieder aufgenommen werden. Der Lehrer ist wieder einigermaßen genesen, gleichzeitig werden die Inhalte möglichst praxisnah vermittelt. Sehr schwache Schüler werden aus dem Handelskurs herausgenommen und erhalten stattdessen parallel einen Nachhilfekurs, in dem  die Brücke geschlagen wird zwischen bisher geringen schulischen Kenntnissen und den Anforderungen des im Projekt integrierten Schulunterrichts.

Schulbesuch:

An drei Vormittagen (Mo.-Mi.) à 5 Stunden findet der Schulunterricht durch die Lehrerkooperative statt. Die räumliche und personelle Situation ist gegenüber der ersten Projektphase deutlich verbessert: Es konnten eigene Unterrichtsräume gefunden und die aufgrund der enormen Heterogenität im Kenntnisstand deutlich gewordene Notwendigkeit der Teilung der Gruppe in eine Hauptschul- und eine Fördergruppe konnte durchgängig vorgenommen werden. Dies steigert nicht nur die Effektivität durch die kleinere und homogenere Lerngruppe, es hat sich auch insofern als wichtig erwiesen, als die Teilnehmer sich – anders als in der ersten Projektphase – vorher nicht oder kaum kannten und viel Unruhe durch die Konstituierung einer Gruppe entstanden ist.

Praktika: Die Wahrnehmung von Praktika an zwei Tagen (Do.+Fr.) in der Woche – zur beruflichen Orientierung im Sinne der inhaltlichen und formalen Organisation von Erwerbsarbeit – ist zu Beginn des Projekts nur sehr langsam angelaufen. Wie auch in der ersten Projektphase zeigen sich auch diesmal bei den mehrheitlichen Neueinsteigern gerade in diesem Bereich die größten Probleme und Ängste der TeilnehmerInnen und ihrer Familien. Gleichzeitig wirkt sich die schlechte Konjunktur deutlich auf den Erfolg der Praktikumsakquise aus. Trotz hohen Aufwands wurden kaum Betriebe gefunden, die bereit waren, Praktikanten im Rahmen des Projekts anzunehmen. In den ersten vier Monaten konnten nur vier TeilnehmerInnen – zwei Jungs und zwei Mädchen – in ein Praktikum vermittelt werden. Zwei davon wurden nach der vorgeschlagenen Dauer von 3 Monaten formgerecht und im Sinne der Berufsorientierung sinnvoll beendet. Eines wurde wegen beidseitiger Unzufriedenheit einvernehmlich zwei Wochen vor Ablauf der Praktikumsdauer beendet und eines läuft noch immer.

Sämtliche bisherigen Praktikumsstellen wurden nicht über Kontakte durch die Gesellschaft für Jugendarbeit (gjb), sondern vielmehr durch trägereigene Vermittlung unter Beteiligung der ProjektteilnehmerInnen selbst gefunden, teilweise aufgrund von alten Kontakten, teilweise in Form des „Abklapperns“ von entweder berufsspezifischen oder wohnraumnahen Betrieben durch die Praktikanten gemeinsam mit der sozialpädagogischen Betreuung des Trägers.

Wegen des schlechten Erfolgs bei der Praktikumsakquise wurde in den letzten Wochen des Jahres 2005 eine Offensive gestartet. Es wurden Profile der einzelnen TeilnehmerInnen erstellt und mit diesen wurden vorhandene Kontakte nochmals persönlich angesprochen und um Mithilfe gebeten. Gegen Ende des Jahres zeichnet sich ab, dass Dank intensiver Suche und Kooperation die vorhandenen 4 Praktikumsplätze um zusätzliche 9 Beschäftigungsmöglichkeiten erweitert werden.

Freizeitprogramm:

Die starke Unruhe in der Gruppe und die Schwierigkeit einzelner, ihren Platz zu finden, hat deutlich gemacht, wie wichtig Anstöße zur positiven Gruppenbildung und zur Stärkung des Wir-Gefühls sind. Durchgeführt werden konnte bisher nur eine gemeinsame Schmückaktion im Rahmen der Weihnachtsfestvorbereitungen. Die geplante Einführung von gemeinsamem Sportunterricht scheiterte bisher an geeignetem Raum, da die Sporthalle der Herderschule an dem zur Verfügung stehenden Termin bereits belegt ist. Neben der Suche nach anderen verfügbaren Sporthallen wird auch in Bezug auf sonstige Freizeitaktivitäten, wie gemeinsames Kegeln oder im Sommer eine Kanutour, recherchiert.

Meilensteine:

Wichtig war vor allem die Zusage der Stiftung Pro Region der Fraport AG, das Projekt finanziell zu unterstützen. Nach vielen Absagen verschiedenster Stiftungen ermöglichte die Zusage von Pro Region endlich die Auszahlung des so genannten Mehrbedarfs an die Projektteilnehmer – 1, 50 Euro pro abgeleistete Projektstunde. Dies hat sich als erstaunlich wichtig für die Motivation der Teilnehmer herausgestellt, vor allem im Hinblick auf das Absolvieren von Praktika, aber auch für die Akzeptanz der Eltern, ihre Kinder für das Projekt freizustellen, obwohl sie die Normen und Werte einer Schul-/Berufsbiographie nicht unbedingt teilen.

Bemerkenswert ist nach wie vor die Motivation, mit der die Jugendlichen im Projekt mitarbeiten, obwohl die meisten von ihnen durch die Teilnahme keinerlei Perspektive eröffnet bekommen, im Gegenteil, immer mit der Abschiebung rechnen müssen und eine Zukunft z.B. in Rumänien für sie nach wie vor keine Perspektive darstellt. Vor allem hervorzuheben ist auch der Erfolg, bisherige Schulverweigerer motiviert und zur dauerhaften Teilnahme gebracht zu haben. 

Öffentlichkeitsarbeit:

Innerhalb der ersten drei Monate wurde das Projekt von zwei verschiedenen Organisationen als so genanntes „Best Practice“ Projekt im Hinblick auf die Steigerung der Beschäftigungsfähigkeit und die ökonomische Integration von Roma in Deutschland aufgesucht – zum einen für eine diesbezüglichen Expertise im Auftrag des Berliner Senats, zum anderen im Rahmen des von der Antidiskriminierungsstelle der Europäischen Kommission geförderten europäischen Forschungsprojekts „RomEco – Roma and the Economy“. Die entsprechenden Publikationen stehen noch aus.

Probleme und Schwierigkeiten:

Die mangelnde Perspektive, verursacht durch die fehlende Absicherung des Aufenthalts einiger TeilnehmerInnen, ist nach wie vor das größte Problem innerhalb des Projekts. Diverse Androhungen der Abschiebung in das so genannte Herkunftsland, auch wenn die Person in Deutschland geboren und/oder fast das gesamte Leben hier verbracht hat, also hier sozialisiert ist, bringen immer wieder Unruhe und Resignation in die Gruppe. Darüber hinaus würde sich die Rekrutierung neuer TeilnehmerInnen leichter gestalten, wenn an die Teilnahme eine – zumindest gewisse – Sicherheit geknüpft wäre. Wie sollen Sinn und Zweck von Bildung, konkret von Schulbesuch und Praktika, vermittelt werden, wenn die hierfür aufzubringende z. T. erhebliche Energie nicht wenigstens durch etwas Sicherheit und eine zumindest mittelfristige Perspektive belohnt wird? Besonders deutlich wird die Unhaltbarkeit dieser Situation in Gesprächen mit TeilnehmerInnen der ersten Projektphase, die zwei Jahre schwer gearbeitet haben und bis heute keinerlei rechtlichen oder sozialen Vorteile daraus ziehen konnten. Der unsichere Aufenthaltsstatus der TeilnehmerInnen konterkariert die Bemühungen des Projekts, durch Schulkenntnisse und Praxiserwerb eine Perspektive für die eigene Existenz aufzubauen. Eine Perspektive in Rumänien können sich die TeilnehmerInnen grundsätzlich nicht vorstellen, sie sind in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert, hier wollen sie Leben und Arbeiten und dafür sind sie bereit, sowohl Zeit als auch Energie zu investieren.

Bei denjenigen Teilnehmern, die einen gesicherten Aufenthalt haben, handelt es sich meist um langjährige Schulverweigerer, denen zum einen der Wiedereinstieg in das schulische Lernen sehr schwer fällt, die zum anderen häufig Probleme damit haben, sich selbst und der Gruppe ihre  geringen Schulkenntnisse einzugestehen. Hinzu kommt, dass sowohl in der eigenen Familie als auch im weiteren sozialen Umfeld eine enorme Skepsis gegenüber schulischer und beruflicher Bildung besteht, da keine positiven Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht wurden. Hier muss sensibel Interesse geweckt und Überzeugungsarbeit sowohl bei den TeilnehmerInnen als auch den Familien geleistet werden, damit schulische und berufliche Bildung trotz aller Schwierigkeiten positiv wahrgenommen wird und die zur weitergehenden Motivation notwendigen Erfolgserlebnisse gemacht werden können.


Fazit:

Durch die Vermittlung von Schulkenntnissen – von Grundwissen in Lesen, Schreiben und Rechnen bis hin zum Hauptschulabschluss –, von heutzutage unabdingbaren Computerkenntnissen sowie von Arbeitssozialisation und geregelten Strukturen ist die  Nachhaltigkeit des Projekts gewährleistet. Eine enge sozialpädagogische Betreuung, vor allem durch den muttersprachlichen Mitarbeiter, hat sich dabei als unabdingbar erwiesen, da immer wieder Probleme auftauchen, die die Begleitung der Jugendlichen und der Eltern als auch die enge Kooperation mit externen Partnern notwendig machen. Die Zielsetzung des Projekts, einen möglichst breiten Zugang zu Ausbildung und Beruf zu erreichen, wird von den Jugendlichen rückhaltlos befürwortet.