Entwicklungsbericht 2006
"Berufliche Bildung, schulische Qualifikation und Erwerbstätigkeit für
Roma-Jugendliche und junge Erwachsene"
(Januar 2007)
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Seit dem 01.09.2005 wird vom Förderverein Roma e.V. – finanziert vom Jugend- und Sozialamt Frankfurt am Main und der Stiftung Pro Region der Fraport AG – in Frankfurt am Main das Projekt „Berufliche Bildung, schulische Qualifikation und Erwerbstätigkeit für Roma-Jugendliche und junge Erwachsene“ durchgeführt. Dieses Projekt ist die direkte Fortführung des von Juni 2003 bis Juni 2005 erfolgreich umgesetzten Equal-Projekts „Orientierung, Qualifizierung und Beschäftigung“. Maßgebliches Ziel dieser Initiative ist es, die Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern und damit zum Abbau von Diskriminierung und Ungleichbehandlung auf dem Arbeitsmarkt beizutragen. Der Teufelskreis von mangelnder Qualifikation, Arbeitslosigkeit und Straffälligkeit soll durchbrochen und eine adäquate Alternative in den Bereichen schulische und berufliche Bildung geschaffen werden. Bereits in der Festlegung der Leitlinien des Equal-Programms 2003 und im Aktionsprogramm 2001 bis 2006 zur Bekämpfung von Diskriminierung wird von der EU-Kommission besonderer Handlungsbedarf in Bezug auf die Situation der Roma, die die größte ethnische Minderheit (über acht Millionen Menschen) in Europa bilden, festgestellt. Schulische und berufliche Bildung, die Entwicklung von Beschäftigungsstrategien, Öffentlichkeitsarbeit, Unterstützung der Selbstorganisation, Initiativen gegen Rassismus und Ausgrenzung stehen auch in der zukünftigen Dekade im Mittelpunkt. In einer Konferenz des Berliner Instituts für vergleichende Sozialforschung Ende 2006 über Berufs- und Bildungsförderung ist die Rede von einer gegenüber der Mehrheitsbevölkerung bis zu 15fach höheren Arbeitslosigkeit bei Roma und Sinti. 30 bis 40 % der Betroffenen leben in sog. sozialen Brennpunkten, Marginalisierung, Stigmatisierung und unzureichende Bildungschancen ergänzen ein Bild, in dem die Ablehnung der Minderheit durch die überwiegende Bevölkerung (68 % der Befragten einer repräsentativen Untersuchung möchten Roma und Sinti nicht zu Nachbarn haben) tägliche Realität ist.
Der Förderverein Roma bringt insbesondere die Kenntnisse im sozialpädagogischen Bereich durch seine Vermittlungsfunktion, den Einsatz von muttersprachlichen pädagogischen MitarbeiterInnen und sein Erfahrungspotential in das Projekt ein. Die Bemühungen im Sektor Berufsorientierung für Roma-Jugendliche kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Inhalte die Betroffenen überzeugen, wozu vor allem die Kommunikation und Zusammenarbeit mit und die Begleitung von Jugendlichen und Eltern als auch die enge Kooperation mit externen Partnern Voraussetzung bildet. Die ProjektteilnehmerInnen sollen in die Lage versetzt werden, für ihre eigene Existenz und die angeschlossener Familienmitglieder sorgen zu können.


Durchführung

Das Projekt wendet sich an 15 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren, überwiegend Roma aus Rumänien, die meist seit über zehn Jahren in Frankfurt am Main leben.
Der Projektrahmen umfasst Kurssystem, Schulbesuch und Praktika gem. Wochenplan.


Dieser Wochenplan wurde im Sommer 2006 insofern abgeändert, als der Beginn des Unterrichts nach vorne – von 9:30 Uhr auf 9:00 Uhr verlegt und die Pausenzeiten gekürzt wurden, so dass die Unterrichtszeit insgesamt gestrafft ist und nicht mehr um 17 Uhr, sondern bereits um 15:30 Uhr endet.





Kurssystem

Der Förderverein Roma beschäftigt in den Sektoren Computer und Handelslehre Fachpersonal, einen Handelslehrer und einen Computerfachmann (Diplom Webdesigner), die Montag bis Mittwochnachmittags à 2 Stunden (Handelslehre nur 14tägig) Kurse anbieten.

Schulbesuch

Das Angebot vervollständigt sich durch einen ausschließlich von Roma-Jugendlichen besuchten Kurs zur Erlangung des Hauptschulabschlusses und einen Alphabetisierungskurs, die gemeinsam mit der Lehrerkooperative an drei Vormittagen (Mo-Mi) à 5 Stunden durchgeführt werden.




Praktika

Dieser Sektor gibt den Jugendlichen durch die Wahrnehmung von Praktika in verschiedenen Bereichen eine Orientierung im Sinne der inhaltlichen und formalen Organisation von Erwerbsarbeit. Die Orientierungsphase dient darüber hinaus zur Konkretisierung von Berufs- bzw. Ausbildungswünschen. Passende Praktikumsstellen werden über trägereigene Vermittlung gesucht. Die Ausrichtung an den Fähigkeiten und Fertigkeiten der jungen Roma sowie an deren individueller Interessenslage als auch den traditionellen Hintergründen ist hierfür unabdingbare Voraussetzung. Die vorgeschlagenen Bereiche umfassen unter anderem Einzelhandel, KFZ, Schreinerei und Friseur.
Individuelle Module für Teilnehmer mit Hauptschulabschluss
Teilnehmer, die bereits den Hauptschulabschluss haben, werden weiterqualifiziert mit dem Ziel, einen Ausbildungsplatz zu erhalten (Wirtschafts- und Computerkurs, Bewerbungstraining, Ausbildungsplatzrecherche, berufsorientierende und -qualifizierende Praktika usw.). Diejenigen, die in weiterführende Qualifizierungsmaßnahmen oder reguläre Ausbildungen vermittelt werden konnten, werden weiterhin begleitet und beraten sowie pädagogisch und muttersprachlich betreut.


Bisherige Durchführung und innovative Veränderungen

Teilnehmerstruktur

Das Jahr 2006 war geprägt von einer hohen Teilnehmerfluktuation. Im gesamten Zeitraum gab es insgesamt 48 Ein-/Austritte. In 14 Fällen handelte es sich um sogenannte Wiedereinsteiger. Dies sind Teilnehmer, die früher bereits im Projekt waren, dann entweder ausgetreten sind oder, deutlich häufiger, ausgeschlossen wurden und später um eine zweite, in seltenen Fällen auch eine dritte, Chance gebeten haben, die sie auch bekamen. Insgesamt haben somit 34 verschiedene Personen an dem Projekt teilgenommen. Die hohe Rate an Wiedereintritten weist darauf hin, dass eine große Projektbindung besteht, das Einhalten der vereinbarten Regeln jedoch sehr schwer fällt, wobei die Gründe hierfür mannigfaltig sind. Vergleicht man die Anzahl der männlichen und weiblichen TeilnehmerInnen, so haben im Jahr 2006 19 Jungen und 15 Mädchen teilgenommen. Von den 14 Wiedereinsteigern waren lediglich 3 Mädchen. Dies kann als symptomatisch angesehen werden, da die Mädchen allgemein, bis auf einige Ausnahmen, weniger sprunghaft sind, kontinuierlicher teilnehmen und mitarbeiten als die Jungs. So verwundert es auch nicht weiter, dass die Mädchen in 2006 im Durchschnitt deutlich länger und meist ohne Unterbrechung an dem Projekt teilgenommen haben. Ende 2006 sind 8 junge Männer und 7 junge Frauen im Projekt.

Zusammenarbeit mit dem Praxis-Lern-Projekt und dem Rhein-Main-Job-Center (RMJ)

Drei TeilnehmerInnen mit Hauptschulabschluss, darunter 1 Mädchen, werden zusätzlich im Beschäftigungsprojekt betreut. Sie konnten im Spätsommer 2006 in eine weiterqualifizierende Initiative – das Praxislernprojekt der Lehrerkooperative (PLP), das sie auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt – vermittelt werden. In den letzten Monaten hat sich so eine enge Kooperation mit den MitarbeiterInnen entwickelt. Die weitere Begleitung durch uns hat sich aus pädagogischer Sicht als notwendig und äußerst sinnvoll erwiesen, da bereits ein Vertrauensverhältnis der TeilnehmerInnen und ihrer Familien vor allem zu dem muttersprachlichen Betreuer, besteht, was vor allem in kritischen Situationen hilfreich ist, wenn es etwa darum geht, die eigene Position vor den MitarbeiterInnen des PLP mit Nachdruck zu vertreten.

Bei Abfassung des Entwicklungsberichtes 2006 werden sechs TN über das RMJ geführt, ohne dass entsprechende Leistungen seitens des SGB II Trägers bisher zur Auszahlung gekommen sind. Trotz intensiver Bemühungen, auf Leitungs- und PAP-Ebene durch Gespräche, Informationen und Bereitstellung von Materialien eine solide und tragfähige Zusammenarbeit mit dem RMJ aufzubauen, ist dies in 2006 weder inhaltlich noch finanziell gelungen. Dies steht in eklatantem Gegensatz zur Resonanz, die das berufspezifische und schulische Projektangebot bei den entsprechenden TN findet, so beabsichtigen vier Jugendliche den Hauptschulabschluss im Juli 2007 zu machen.

Kontakt zur JVA Wiesbaden und Preungesheim

Fortgesetzt werden die Kontakte zu 3 ehemaligen TN und einer potentiell neuen Teilnehmerin, die sich zurzeit in Justizvollzugsanstalten aufhalten. Die dem Projekt zugrunde liegende umfassende pädagogische Betreuung kann nach Verständnis des Trägers bei einem Projektausschluss aufgrund von Gefängnisstrafen nicht aufhören. Im Gegenteil, eine fortgesetzte Betreuung und die damit verbundene perspektivische Möglichkeit des Wiedereintritts in das Projekt dienen auch der gewünschten Wiedereingliederung ehemaliger StraftäterInnen. Die Bemühungen werden seitens der Betroffenen ergänzt, die bereits im laufenden Vollzug die Schule besuchen, sich um zügige Haftentlassung bemühen und den Kontakt zu uns über regen Briefwechsel aufrechterhalten.


Das Kurssystem

Der Computerkurs hatte sich schon in der ersten Projektphase bewährt und wird auch im laufenden Projekt sehr erfolgreich angeboten. Hier werden wesentliche, für die heutige Zeit unabdingbare Kenntnisse der Informations- und Kommunikationstechnologie vermittelt. Der Erfolg liegt nicht zuletzt daran, dass auf den ausschließlich für die Projektteilnehmer bestimmten Computerraum mit zehn in der ersten Projektphase angeschafften Computern zurückgegriffen werden konnte. Um den PC-Unterricht besser in den Schulunterricht integrieren zu können, wurden die Unterrichtszeiten von dem gesonderten Nachmittagstermin auf einmal nachmittags im Anschluss und einmal vormittags vor dem regulären Schulunterricht gelegt.

Für den Nachhilfekurs konnten wir seit Anfang Oktober einen zusätzlichen muttersprachlichen Mitarbeiter gewinnen. Es besteht seither verstärkt die Möglichkeit, auch in der Nachhilfe komplexe Zusammenhänge in der eigenen Muttersprache zu erklären. Darüber hinaus nimmt der Kollege Vorbildfunktion für die TeilnehmerInnen ein, da er den Hauptschulabschluss mit sehr guten Noten erlangt hat. Der Nachhilfekurs soll die Brücke zwischen bisher geringen schulischen Kenntnissen und den Anforderungen des im Projekt integrierten Schulunterrichts (Alphabetisierung- und Hauptschulgruppe) schlagen.

Der 14tägig stattfindende Handelslehrekurs musste im Herbst des Jahres leider eingestellt werden, da der Lehrer verstorben ist. Es ist für 2007 vorgesehen, jedoch erst nach der heißen Phase der Prüfungsvorbereitung für den Hauptschulabschluss, wieder einen Kurs zur Erlangung grundlegender wirtschaftlicher Kenntnisse anzubieten. Der Kurs wird dann voraussichtlich von dem derzeitigen Computerfachlehrer angeboten, da dieser als Einzelkaufmann ebenfalls über die notwendigen grundlegenden Kenntnisse verfügt. Nicht nur die pädagogische Kontinuität durch den gleichen, den Teilnehmern bereits bekannten Lehrer, auch die dadurch mögliche enge Verknüpfung zwischen den Inhalten des Handels- und des Computerkurses sind hierbei von großem Vorteil.

Zusätzlich zum bestehenden Kurssystem und dem Schulunterricht soll in 2007 auf Wunsch einiger TeilnehmerInnen ein Englischkurs angeboten werden. Dabei würden einerseits die inzwischen weltweit notwendigen Fremdsprachenkenntnisse vermittelt und andererseits würde die Option eröffnet, im Rahmen des Projekts durch das Zusatzfach Englisch einen mit dem qualifizierenden Hauptschulabschluss vergleichbaren Schulabschluss zu erlangen. Dies ist vor allem für Absolventen interessant, die einen höheren Schulabschluss anstreben.


Schulbesuch

An drei Vormittagen (Mo.-Mi.) à 5 Stunden findet mit Unterstützung des Trägers der Schulunterricht durch die Lehrerkooperative statt. Die verbesserte räumliche und personelle Situation und die aufgrund der enormen Heterogenität im Kenntnisstand notwendige Teilung der Gruppe in eine Hauptschul- und eine Fördergruppe haben sich als sehr wichtig erwiesen. Da die TeilnehmerInnen sich häufig kaum untereinander kennen, ermöglichen kleinere homogene Lerngruppen ein vernünftiges Arbeiten; eigene Räumlichkeiten wiederum führen mit der Zeit zu Akzeptanz und Wir-Gefühl, das gerade bei einer noch zu konstituierenden Gruppe wichtig ist. Dementsprechend ist das Gruppengefühl zum Ende des Jahres deutlich besser geworden. Leider stehen die eigenen Räumlichkeiten im Frühjahr 2007 zur Disposition. Trotz guter Erfahrungen in der Vergangenheit gestaltete sich in der zweiten Jahreshälfte die Zusammenarbeit mit der Lehrerkooperative zeitweise schwierig. Probleme in der Kommunikation, der Koordination und die Herausnahme von bewährtem Lehrpersonal beeinträchtigte die dringend erforderliche pädagogische Kontinuität.


Praktika

Die Wahrnehmung von Praktika an zwei Tagen (Do. und Fr.) in der Woche – zur beruflichen Orientierung im Sinne der inhaltlichen und formalen Organisation von Erwerbsarbeit – ist nach wie vor ein wichtiger, aber auch sehr schwieriger Baustein des Projekts. Wie auch schon früher zeigen sich bei den TeilnehmerInnen und ihren Familien gerade in diesem Bereich die größten Probleme und Ängste. Gleichzeitig wirkt sich die schlechte Konjunktur deutlich auf den Erfolg der Praktikumsakquise aus. Trotz hohen Aufwands war es außerordentlich schwer, Betriebe zu finden, die bereit waren, PraktikantInnen anzunehmen. Im gesamten Jahr 2006 wurden 41 Praktika in 26 unterschiedlichen Betrieben absolviert. Sämtliche Praktika wurden in Eigeninitiative gefunden, da die Bemühungen der Gesellschaft für Jugendbeschäftigung (gjb), die in den letzten Jahren bei der Praktikumssuche behilflich war, wegen der konjunkturellen Situation und der schwierigen Teilnehmerstruktur (gestiegene Abbrecherquote) keinen Erfolg hatten. Die hohe Fluktuation der TeilnehmerInnen wirkt sich auch auf die Dauer der Praktika aus. Relativ viele Praktika wurden vor Ablauf der vereinbarten Dauer beendet, oft aus Unzufriedenheit einer der Praktikumsvertragsparteien, aber nicht selten auch wegen Ausschluss des jeweiligen Teilnehmers aus dem Projekt.

Die Praktika wurden durch trägereigene Vermittlung unter Beteiligung der ProjektteilnehmerInnen akquiriert, teilweise aufgrund von alten Kontakten, teilweise in Form des „Abklapperns“ von entweder berufsspezifischen oder wohnraumnahen Betrieben durch die Praktikanten gemeinsam mit der sozialpädagogischen Betreuung des Trägers. Vermehrt versuchten TeilnehmerInnen durch selbst geführte Telefonate Praktika zu bekommen: die Erfolgsquote war hier jedoch gleich Null. Dennoch behielten wir diese Methode bei, um die Selbständigkeit der TeilnehmerInnen zu fördern. Gleichzeitig dienten die mit viel Mühe und Ängsten verbundenen Telefonate sowohl zur Veranschaulichung, wie schwierig es ist, einen Praktikumsplatz zu erhalten, als auch zur Einsicht, gewonnene Praktika nicht leichtfertig abzubrechen.
Zukünftig ist beabsichtigt, dass sich der Trägerverein um dauerhafte Praktikumsplätze, auf denen dann nacheinander mehrere TeilnehmerInnen den Arbeitsalltag praktizieren können, bewirbt. Zudem wird ab Februar 2007 eine Holzwerkstatt angemietet, in der donnerstags nachmittags 2-3 Jugendliche unter Anleitung Grundkenntnisse in der Holzverarbeitung erwerben können. Mit gleicher Intention wird zurzeit in Räumen des Trägers in Zusammenarbeit mit den Jugendlichen eine Übungswand aufgebaut, an der unter fachmännischer Betreuung praktische Erfahrungen im Bereich Maler/Tapezierer erlernt werden.


Freizeitprogramm

Die nach wie vor vorhandene starke Unruhe in der Gruppe und die Schwierigkeit einzelner, ihren Platz zu finden, macht gemeinsame Freizeitaktivitäten unabdingbar. Im Jahr 2006 wurde deshalb ein Tagesausflug in einen Klettergarten durchgeführt und eine im Schulunterricht vorbereitete und nachbearbeitete Fahrt in den Opelzoo. An warmen Tagen wurden Ausflüge ins Freischwimmbad unternommen. Der gemeinsame Sportunterricht konnte aufgrund der fehlenden passenden Räumlichkeiten nur bei gutem Wetter im Freien durchgeführt werden, so wurde z.B. Völkerball, Federball oder Tischtennis gespielt.

Wichtig in der gemeinsamen Freizeitgestaltung, aber auch in allen anderen Bereichen, ist die geschlechtsspezifische Jungen- und Mädchenarbeit. Es hat sich als sehr gut erwiesen, sowohl den Jungs als auch den Mädchen einen eigenen Raum zu geben, wo sie unter sich etwas unternehmen können. Die Mädchen werden dadurch ungehemmter und offener, die Jungs sind weniger angespannt und müssen sich weniger beweisen. Gleichzeitig wird ein besonders enger Kontakt zu dem jeweiligen gleichgeschlechtlichen Betreuer hergestellt und es werden Themen angesprochen, für die sonst kein Raum wäre. Geschlechtergetrennte Aktivitäten wurden z. B. beim Tischtennis, beim Schwimmen oder bei der Praktikumssuche durchgeführt. Im Spätsommer fand für einige Wochen auch der Schulunterricht nach Jungs und Mädchen getrennt statt, was vor allem den im Schulischen schwachen aber auch sehr ambitionierten Mädchen gut gefallen hat. Leider konnte dies nicht beibehalten werden, da eine Trennung nach Leistungsstand im Hinblick auf den zu erlangenden Hauptschulabschluss wichtiger war.


Öffentlichkeitsarbeit/Vernetzung/Weiterbildung

Im Laufe des Jahres wurden mehrere Artikel über das Projekt veröffentlicht. Speziell zur aufenthaltsrechtlichen Lage der TN nahmen MitarbeiterInnen Fortbildungen wahr.

Im September 2006 wurden wir als Experten zu einer Fachtagung der Arbeiterwohlfahrt in Münster/Westfalen zum Thema „Roma – mittendrin und außen vor“ eingeladen und wirkten bei einer internationalen Tagung in Zittau (Deutschland, Slowakei und Polen) zur Bildungssituation der Roma mit. Ebenso fand ein internationaler Austausch zwischen Roma-Mediatoren in Berlin statt und der Einsatz von Roma-Mediatoren in Deutschland und den neuen EU-Ländern war Gegenstand eines Kongresses in Stuttgart. Im Rahmen einer Fortbildung des Trägers für Kommunalangestellten in Offenbach wurden u. a. Vorträge über das Projekt gehalten.

Darüber hinaus fanden Tagungen zum Informationsaustausch, zur Förderung und Vernetzung statt: eine Veranstaltung der Gesellschaft für Jugendbeschäftigung (gjb) zusammen mit dem Team U25 des Rhein-Main-Jobcenters Ost sowie ein Treffen des Deutschen Forums Jugendsozialarbeit zur Benachteiligtenförderung.

Im Dezember kam es zu einem Austausch mit dem Projekt „KIEZmobil“ in Berlin, die ähnlich wie das Frankfurter Projekt versuchen, Roma-Jugendlichen zu Schulabschluss und Berufsorientierung zu verhelfen. Die Zusammenarbeit wird in 2007 fortgesetzt und um die Kölner Beschäftigungsinitiative des Rom e. V. erweitert.

Die erneute Einladung zur Diskussionsrunde im Rahmen des von der Antidiskriminierungsstelle der Europäischen Kommission geförderten europäischen Forschungsprojekts „RomEco – Roma and the Economy“ nach Berlin wurde nicht wahrgenommen, weil nach dem Treffen im Jahre 2005 eine große Unzufriedenheit herrschte. Es verdeutlichte sich, dass die Stimme der Betroffenen nicht in ausreichendem Maße gehört wird, was an internen Strukturen des durchführenden Instituts für vergleichende Sozialforschung in Berlin lag. Stattdessen kam das Gefühl auf, mit der Anwesenheit lediglich eine Alibifunktion zu erfüllen.


Probleme und Schwierigkeiten


Die mangelnde Perspektive, verursacht durch die fehlende Absicherung des Aufenthalts einiger TeilnehmerInnen, war neben der Vermittlung von Motivation und Überzeugung in die Inhalte ein zentrales Problem innerhalb des Projekts. Dabei muss mit Hochachtung anerkannt werden, wie viel Energie und Einsatz einige TeilnehmerInnen trotz prekärster Aufenthaltssituation in die Schule und die Suche nach Praktikums- oder Ausbildungsplätzen steckten! Wenn diese Bemühungen ebenso wenig belohnt werden wie in der ersten Projektphase, wird es immer schwieriger werden, mit der Notwendigkeit von beruflicher Bildung und Praktika für eine bessere eigene Zukunft zu argumentieren. Wird trotz vorbildlichen Verhaltens abgeschoben, fehlen die Argumente in der ganzen Gruppe, auch bei denjenigen, die keine Aufenthaltsprobleme haben. Die grundsätzliche Aussage, Leistung in Schule und Praktika lohnen sich, wird konterkariert. In 2007 eröffnet sich allerdings durch den Beitritt Rumäniens zur EU eine völlig neue Perspektive, die dazu beitragen kann, dass die aufenthaltsrechtlichen Probleme mittelfristig gelöst werden.

Bei denjenigen Teilnehmern, die einen gesicherten Aufenthalt haben, handelt es sich meist um langjährige Schulverweigerer, denen zum einen der Wiedereinstieg in das schulische Lernen sehr schwer fällt, da hierbei im bisherigen Leben keine positiven Erfahrungen gemacht wurden. Hier muss sensibel Interesse geweckt und intensive Überzeugungsarbeit sowohl bei den TeilnehmerInnen als auch den Familien geleistet werden.

Eine weitere Schwierigkeit ist die Bandbreite der zu betreuenden ProjektteilnehmerInnen. Sie bewegt sich zwischen erheblich entwicklungsverzögerten Jugendlichen, die außer dem Projekt keinerlei Beschäftigungsalternativen haben und ausbildungsreifen Hauptschulabschlussinhabern, die trotz prekärer Aufenthaltssituation eine Ausbildung haben könnten, sofern eine Arbeitserlaubnis erteilt würde.

Ebenso schwierig ist die Bandbreite der Motivation. Einige TeilnehmerInnen sind dauerhaft interessiert und wollen lernen, andere lassen sich zunächst gut motivieren, fallen dann aber in alte Verhaltensstrukturen zurück, aus denen herauszukommen ein enormer Kraftaufwand – von den Jugendlichen selbst, den Familien und den pädagogischen Mitarbeitern – bedeutet.


Fazit und Ausblick

Durch die Vermittlung von Schulkenntnissen – von Grundwissen in Lesen, Schreiben und Rechnen bis hin zum Hauptschulabschluss –, von heutzutage unabdingbaren Computerkenntnissen sowie von Arbeitssozialisation und geregelten Strukturen vermittels unterschiedlicher Praktika ist die Nachhaltigkeit des Projekts gewährleistet. Eine enge sozialpädagogische Betreuung, vor allem durch den muttersprachlichen Mitarbeiter, hat sich dabei als unabdingbar erwiesen, da immer wieder Probleme auftauchen, die die Begleitung der Jugendlichen und der Eltern als auch die enge Kooperation mit externen Partnern notwendig machen. Die Zielsetzung des Projekts, einen möglichst breiten Zugang zu Ausbildung und Beruf zu erreichen, wird von den Jugendlichen befürwortet. Es wird allerdings auch immer stärker deutlich, dass die bisher fehlenden Erfolgserlebnisse in Hinblick auf tatsächliche Existenzsicherung durch Ausbildung oder Arbeit die Motivation erschweren. Eine breitere Anerkennung der Bemühungen der TeilnehmerInnen wäre auch für die zukünftige Praxis des Projekts ein wichtiger Schritt.

Die positive Resonanz des Projektes soll in 2007 zu einer Aufstockung von 15 auf 18 TN führen. Die finanzielle Stabilisierung könnte durch die Förderung über Mittel des Europäischen Sozialfonds eintreten, der Bewilligungsbescheid liegt bereits vor sowie durch die Kooperation mit dem Rhein-Main-Job-Center. Das über die Jahre hinweg immer wieder auftauchende Problem fehlender Unterkünfte für das Projekt, würde mit der Anmietung von ausreichendem Raum im 1. Stock über der Geschäfts- und Beratungsstelle des Trägers ab Mitte 2007 endgültig gelöst. So fänden die Aktivitäten des Förderverein Roma im Rahmen der Jugendberufsbildung schließlich auch die notwendige räumliche Institutionalisierung und Absicherung.

Frankfurt am Main, den 31.01.2007