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Hallo liebe SchülerInnen und Schüler,
mein Name ist Joachim Brenner. Ich arbeite im Förderverein Roma.
"Hier geblieben" ist die richtige Forderung, denn wenn man sich ansieht,
welche skandalöse Verfahrensweisen speziell bei Kindern und Jugendlichen
seitens der Ausländerbehörden und den Innenministerien bezüglich einer
raschen Abschiebung praktiziert werden, so bleibt die Forderung aktueller
denn je.
Offensichtlich spielen der Schutz von Ehe, Familie und
Lebensgemeinschaften, das Wohl des Kindes und internationale Übereinkommen
zum Schutz von Minderjährigen keine Rolle, wenn es um die zügige
Ausweisung geht. Menschenrechtsverletzungen werden in Kauf genommen, das
Recht auf Schule, Berufsbildung, Existenzsicherung bleibt
unberücksichtigt. Das was man gemeinhin Migranten vorwirft, nämlich nicht
genügend Engagement für Bildung und Schule zu erbringen, entlarvt sich so
als das was es eigentlich ist: ein Vorurteil, eine haltlose Behauptung,
letztlich ein rassistisches Ressentiments.
Ich will es konkret machen:
Nach wie vor sind 2/3 der 70 Roma-Kinder unserer Kindertagesstätte
„Schaworalle“ und die Hälfte der 15 Teilnehmer des Beschäftigungsprojektes
des Förderverein Roma ohne gesicherten Aufenthalt und haben jederzeit mit
der Ausweisungsverfügung zu rechnen. Der seit Jahren erfolgte regelmäßige
Besuch der Kita und der Schule sind für die Entscheider völlig
unerheblich. Ebenso die Tatsache, dass die Kinder mit ihren Familien
teilweise seit über 10 Jahren hier leben. Tragisch ist hier nicht nur der
abrupte Abbruch erfolgreicher schulischer und beruflicher Entwicklungen,
tragisch ist auch die Abschiebung in Lagen, die Gefahr an Leib und Leben
bedeuten und jeder zu unterstützenden Entwicklung von Kindern und
Jugendlichen Hohn sprechen.
Gegenwärtig befinden sich drei Kita-Kinder (Anca, Asmina und Emanuel) und
zwei Jugendliche (Lamaita und Christina) des Beschäftigungsprojektes im
Petitionsverfahren. Das bedeutet praktisch gesehen lediglich ein
zeitlicher Aufschub. Erfolg hatten wir noch nie durch die Anrufung des
Petitionsausschusses. Ein Junge (Bobi), der ebenfalls unser
Beschäftigungsprojekt besucht, wurde mittlerweile von der
Härtefallkommission aufgenommen. Auch dort ist Skepsis am Platze, denn
beide Gremien arbeiten in Personalunion. Alleine die Information, dass
erstmals in diesem Jahr zwei Familien positiv von der Kommission
beschieden worden sind, gibt noch Hoffnung.
Insbesondere die Situation der Roma-Flüchtlinge ist nach wie vor völlig
desolat. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass in den osteuropäischen
Ländern, aus denen die meisten geflohen sind, keinerlei Perspektiven für
die Abgeschobenen existieren und sie in den Gesellschaften sowieso schon
als Roma extrem unter Diskriminierung und Ausgrenzung zu leiden haben,
belastet die Ignoranz der deutschen Behörden um so mehr. Europäische und
andere internationale Menschenrechtsinstitutionen weisen seit Jahren
darauf hin, dass mehr für die schulische und berufliche Bildung von Roma
getan werden soll, sowohl für Flüchtlinge generell als auch für Roma, die
als Minderheiten in den einzelnen Ländern leben. Existentielle
Absicherung, adäquate Bildung und Förderung vor allem von Roma-Kindern und
-Jugendlichen klagte der UN-Sonderbotschafter Munoz bei seinem aktuellen
Besuch in Deutschland ein.
Die soziale Situation der Roma in Osteuropa lässt sich leicht umschreiben:
Die Lebenserwartung ist teilweise um 20 Jahre geringer als die der
Mehrheitsbevölkerung, die Säuglingssterblichkeit auf einem alarmierenden
Höchststand, die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen miserabel,
über 90 % haben keinen Schulabschluss und werden gleich, wenn überhaupt,
auf Sonderschulen verwiesen, die Arbeitslosenquote liegt zwischen 80 und
90 %. Hinzu kommt der alltägliche Rassismus. In Rumänien wurde kürzlich
eine Romnie erschossen, allein weil sie Kohlen stahl. Ermittlungsverfahren
wegen Überfällen verlaufen im Sande, die Verantwortlichen werden nicht zur
Rechenschaft gezogen. Veilmehr wird umgekehrt stärker denn je mit dem
Vorurteil gegenüber Roma offizielle Politik gemacht. Und das mit Erfolg.
Sie sind die Sündenböcke für alle politischen Fehlleistungen und die erste
Zielscheibe der Verlierer der brutalen Verteilungskämpfe.
Bei nüchterner Betrachtung gibt es also viele Gründe, die Familien, die
Kinder und Jugendlichen hier abzusichern und ihnen die Chance für eine
selbst bestimmte Entwicklung zu geben. Nicht zuletzt die jüngere deutsche
Geschichte sollte speziell im Hinblick auf die Situation der Roma Grund
genug sein, Verantwortung wahrzunehmen.
Schließlich handelt es sich um junge Menschen, deren Leben in Frankfurt
oder anderen Städten und Orten stattfindet, es handelt sich um Kinder und
Jugendliche, die hier zu hause sind und die hier ein Bleiberecht erhalten
müssen.
Vielen Dank.
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