In Hanau wurden am 19.2.2020 neun Menschen, Mercedes Kierpacz, Vili Viorel Paun, Kaloyan Velkov, Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtovic, Fatih Saracoglu und Ferhat Unvar aus rassistischen Gründen ermordet – anschließend erschoss der aus Hanau stammende Tobias R. seine Mutter und sich selbst. Ibrahim Akkuş überlebte schwerverletzt den Anschlag und starb am 26.1.2026 an den Spätfolgen.
Mercedes Kierpacz war eine junge deutsche Romni, sie hinterließ zwei Kinder und ihren Mann, Kaloyan Velkov war Rom aus Bulgarien und Vili Viorel Paun Rom aus Rumänien. Die Kontinuität von tödlichem Hass, Bezichtigung und Ignoranz verdeutlicht sich in der Familiengeschichte der ermordeten Romni Mercedes Kierpacz. Filip Gomans Großvater wurde in Auschwitz vergast. Sein Vater und er haben sich vergeblich für eine angemessene Entschädigung, für Anerkennung und Respekt gegenüber der Minderheit engagiert – sie wurde nicht nur behördlich, sondern auch Gesellschaft verweigert. Am 19.2.2020 hat Filip Gomann seine Tochter Mercedes Kierpacz verloren - durch Schüsse eines Neonazis in Hanau.
Trotz Beendigung des Untersuchungsausschusses im hessischen Landtag sind zentrale Fragen offen. Die Einzeltäterthese ist unhaltbar. Tobias R. war aktiv im Netz, bekundete und begründete über Video und Bekennerschreiben seine rechtextreme und neonazistische Gesinnung. Die Tat war vorhersehbar. Vili Viorel Paun versuchte vergeblich, als er Tobias R. verfolgte, einen polizeilichen Notruf abzusetzen. Die Dienststelle war nicht ausreichend besetzt und das Notrufsystem völlig überaltert. Auch die Fluchttür an einem Tatort war verschlossen, die Polizei traf zu spät ein, handelte unkoordiniert und ging völlig unsensibel gegenüber den Angehörigen vor. An den Untersuchungen unmittelbar nach der Tat waren Beamte beteiligt, gegen die aufgrund rechtsradikaler Aktivitäten ermittelt wurde.
Die Ende 2025 von der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus Bund veröffentlichte Dokumentation „Antiziganismus in der Polizei“ stellt generell fest, “dass Roma, Sinti und anderen antiziganistisch stigmatisierten Gruppen von deutschen Polizeikräften regelmäßig jene ‚Dienstleistungen‘ verweigert werden, die ihnen zustehen: Anzeigen werden nicht aufgenommen, antiziganistische Vorfälle verharmlost oder geleugnet, Ermittlungen gegen Polizeikräfte im Anschluss an Beschwerden oder Anzeigen eingestellt; im schlimmsten Fall wird sogar gegen die anzeigenden Antiziganismusbetroffenen ermittelt“. Aufgeführte schwerwiegende Fälle dokumentieren die Anwendung extremer Gewalt durch Polizeikräfte gegenüber der Minderheit und verschiedene Beispiele legen die Vermutung einer Sondererfassung nahe.
Ein Viertel der Bevölkerung wählen eine rechtsextreme Partei, zudem versuchen bürgerliche Parteien nicht nur aus taktischen Gründen, sondern aus Überzeugung die AFD in ihrer menschenverachtenden Programmatik zu kopieren. Die aktuelle Leipziger Mitte-Studie bestätigt die Zunahme von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Sie dokumentiert auch in erschreckendem Maße die latent rassistische Haltung gegenüber Roma und Sinti. Knapp die Hälfte der Befragten der repräsentativen Erhebung geben an, ein Problem zu haben, wenn sich Roma und Sinti in der Nachbarschaft aufhalten, über die Hälfte unterstellen der Minderheit Kriminalität und 40 % möchten Roma und Sinti aus der Innenstadt entfernen. Vor dem Hintergrund ist die Aussage von Bundeskanzler Merz - der bezüglich des Themas Migration auf das angeblich problematische Bild der Innenstädte hinweist - zu verstehen: sie befördert rassistische Stereotypen und bedient einen Kontext, der von Populismus, Gewalt und Missachtung geprägt ist. Auch in der NS Terminologie redete Goebbels davon, dass Juden und Jüdinnen die Innenstadt verderben.
Eine Gedenkstätte für die Opfer des Anschlags im Hanauer Zentrum wird abgelehnt. Die Frage nach einer angemessenen finanziellen Entschädigung ist offen. Letztlich ist es das Verdienst der Angehörigen und Ihren Unterstützer:innen, dass es umfängliche Untersuchungen, Klageverfahren und die Benennung von Verantwortlichkeiten gibt. Dennoch stehen nach sechs Jahren die Straflosigkeit der Behörden, die juristische Aufklärung und kritische Auseinandersetzung weiterhin im politischen Mittelpunkt.
Anlässlich des Jahrestags der Anschläge in Hanau findet am 19.2.26 um 20 Uhr im Bockenheimer Depot in Frankfurt/Bockenheim ein Konzert des Philharmonischen Vereins der Roma und Sinti statt.
Ffm., den 17.2.2026
Im Podcast
Unter Almans
geht es um Angst und die Wut nach dem Anschlag in Hanau
sowie um alltägliche rassistische Erfahrungen und Rassismus als Integrationshindernis.
Im
Dossier der Kolleg*innen von LabourNet sind viele Berichte über
den Anschlag in Hanau und die Folgen.